Nickele-nach, der Kopf ist ab

Schmidberg Ballade

Eine Ballade über eine Dorfsage von Peter Lucke (2010)
Ludwig von Schmidbergs Tod in Lehrensteinsfeld 1657
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In Lockenpracht Herr Ludwig
von Schmidberg, kaum ergraut,
von Merian in Kupfer
gestochen zu uns schaut

aus alter Zeit herüber,
barock und heldenhaft.
Ein Feldmarschall im Kampfe,
ein Mann von Willenskraft.

Zu Weißenburg geboren,
ernährte ihn der Krieg,
der dreißig Jahre währte,
mit Beute, Ruhm und Sieg.

Zuerst bei Gustav Adolf
und dessen Feldherrn Horn.
Im Sturm der Schwedenfahne
trug er die Schlacht nach vorn.

Belagert, eingenommen
hat er Heilbronn mit Macht,
dann Philippsburg und Speyer.
Gefangen in der Schlacht

bei Mergentheim und schließlich
schloss er sich Frankreich an,
denn dessen König Ludwig
war von ihm angetan.

Der Feldmarschall von Schmidberg
befahl in Deutschland nun
die Truppen der Franzosen
und hatte viel zu tun –

Und Glück, denn er blieb siegreich
bis in die Friedenszeit.
Ein Glücksritter hält freilich
nicht viel von Dankbarkeit.

Er unterschlug Kriegskassen
und setzte sich zur Ruh.
In Lehrensteinsfeld legt’ er
ein Rittergut sich zu.

Und brachte auch Soldaten
als Siedler in den Ort,
die pflanzen sich bis heute
mit ihr’n Familien fort.

Vier Töchter, sieben Söhne,
ein Weindorf und ein Schloss,
nun konnte Frieden kommen,
den er nur kurz genoss.

Denn Gottes Mühlen mahlen
zwar langsam, aber fein. –
Man lud den Kassenräuber
ins ferne Frankreich ein.

Zuerst wollte er fliehen,
dann stellt’ er sich, und als
der Kriegsprozess vorbei war,
da ging’s ihm an den Hals.

Da jammerte Herr Schmidberg
Und flehte unentwegt.
Der Henker hat den Kopf ihm
Vor seine Füß’ gelegt.

Man führte stracks die Leiche
samt Kopf in einem Sarg
nach Steinsfeld. Die Familie
von Schmidberg traf es arg.

Wie heulten Frau und Kinder!
es heult’ der Schlosshund gar.
Bei Strafe durfte niemand
ausplaudern, was da war.

Zu Schmidbergs Trauerfeier
kam alle Welt herbei,
man hörte an der Bahre
viel Klagen und Geschrei.

Den Hals verdeckt’ des Toten
ergraute Lockenpracht.
So lag der Held wie schlafend
vor seiner letzten Schlacht.

Doch als aus dem Gedränge
der jüngste Sohn, versteckt,
ihn noch mal sehen wollte
und sich am Sarg aufreckt’,

Da kam der Kopf ins Wackeln
und drehte seitwärts sich.
Des Halses Wunde klaffte
und starrte schauerlich.

Was fuhr da für ein Schrecken
durch Schloss und Trauerschar!
Was niemand wissen durfte,
war klar und offenbar.

Bei jedem legt’ die Hand sich
betroffen auf den Mund.
Man schluchzte, und es bellte
der herrenlose Hund.

Schwer sank beim Klang der Glocken
der Sarg tief in die Gruft.
Fast war’s wie im Theater:
der Edelmann als Schuft.

Nur einer, nur der Hofnarr
hat da nicht mitgemacht.
Er zog ein Doldenbüschel
durch einen Stängel sacht,

den oben er ein Stückchen
einschnitt, als wär’s ein Kopf.
So wackelte beim Ziehen
der fast getrennte Schopf.

Sein Blick, er schien zu sagen:
„Schaut her, was ich hier hab’!“
Er murmelt’ dazu: „Nickele-
nack, der Kopf ist ab!“

Was offen niemand wagte,
das sagt’ der Narr verblümt
und wurde mit dem Beispiel
„Nickele nack“ berühmt.

Er deutete die Wahrheit
nur listig-lustig an.
Beim Leichenschmaus hat’s mancher
ihm heimlich nachgetan.

Im kinderreichen Hause
da lag ein Fluch, denn Zwist
bewirkte, dass der Name
bald ausgestorben ist!?

Danach noch viele Jahre
schien man im Herrenwald
den Feldmarschall zu sehen
in seltsamer Gestalt.

Dort trug er hoch zu Pferde
fest unterm Arm sein Haupt,
ritt unerlöst – und reitet
noch heut, wenn man dran glaubt.

Seit neustem spukt Herr Nickele
nack auch nachts und stumm,
im Schlosse gern erwartet,
als Schlossgespenst herum